Überbitten (Deborah Feldman)

In ihrer zweiten Autobiographie nimmt die gerade mal 30-Jährige Autorin Debroah Feldman die Leser_innen mit auf ihrer Reise: Von der Taubheit des Verlusts, zu Orten und Erinnerungen einer prägenden Vergangenheit bis anch Berlin, der Stadt in der mensch SEIN darf. Debroah Feldman, die sagt ihr Ziel sei es, verstanden zu werden, tut mit alles Menschnmögliche um sich selbst und das, was Heimat genannt wird, zu finden und diese Gefühle mir zugänglich zu machen — in einer Sprache, die die Spuren der Such-Reise deutlich macht und auf guten 700 Seiten keinen Buchstaben überflüssig macht.

In Unorthodox (Deborah Feldman) hat die Autorin ihre erste große Hürde genommen und packend beschrieben. Damals lebte sie noch in New York, neben dem Ort, von dem sie sich bereits entfernt hatte. Bei der Präsentation ihres neuen Buchs ‚Überbitten‘ ist sie weitgereist und hat Nachricht erhalten, die deutsche Staatsbürger_innenschaft bewilligt zu bekommen. Wie das? Ein langer Weg, ja und gleichzeitig in unfassbar (oder in 700 Seiten?) wenig Zeit.

‚Überbitten‘, dieses Wort beschreibt einen Aussöhnungsprozess, und ist somit passend gewählt. Zu der äußeren Ereignisebene, den Stationen ihrer Reise, deren vorläufiger Endpunkt in Berlin endet, und wo sich die Autorin angekommen fühlt, beschreibt sie ihre Gefühlslandschaft, die Ängste und Fragen, die Geistesblitze und Erkenntnisse, von deren Refelxionsniveau zumindest ich in meinem Alltag weit entfernt bin.

Da sind zum einen die Probleme der Existenzsicherung und des Alltags und daran geknüpft das Gewahrwerden der eigenen Hilflosigkeit und der Handlungsdruck. Mit dem Bestsellererfolg des ersten Romans lösen sich diese Probleme; und dann endet die Betäubung. Die Autorin begibt sich auf eine mutige Suche nach einem Zuhause und nach der eigenen Identität, erst in den USA, dann nach Europa. Dort spürt sie, anhand von Erinnerungen, Erzählungen und wenigen Dokumenten, den Weg ihrer Großmutter (einen in den nazistischen KZ gequälte Frau) in Archiven, vor Villen, auf Wiesen auf. Deutschland, das ihr als ‚das Böse‘  bekannt war, meidet sie anfangs.

Die Erkenntnis, die mich (und vielleicht auch Deborah Feldman) mit verblüffender Klarheit gepackt hat, ist, dass Heimat nicht zwingend ein Ort ist, sondern vielmehr ein Wiederfinden des Selbst in einem Kontext, der sich ändern kann. Ist es also überraschend, dass Deborah Feldman sich um die dt. Staatsbürger_innenschaft bemüht hat? Ich finde nein. Damit gibt sie Leser_innen hier im Land und in Europa gerade zur richtigen Zeit (naja, die ist eigentlich immer) eine wichtige Denkhilfe zur Auseinandersetzung mit (Be)Heimat(ung). Danke!

Deborah Feldman: Überbitten. Eine autobiografische Erzählung. Zürich 2017, 704 Seiten. Übersetzung: Christian Ruzicska.

No need to buy… Relaxing Mandalas

Es gibt sie z.B. in Postkarte-Größe (Wer freut sich nicht darüber, dass die schreibende Person offensichtlich so gestresst ist, dass sie diese Postkarten kaufen musste? #thanksforwritingthough)

Es gibt sie mit unterschiedlich vielen Stiften der unterschiedlichsten Art (Klar, Stifte hat niemenschd zuhause, erst recht nicht diejenigen, die so dringend Entspannung brauchen #menschendiekinderhabenhabenauchstifte und NEIN, es können nicht irgendwelche Stifte sein)

Es gibt sie mit exotischen Blumen, Schmetterlingen, graphischen Mustern, nicht in hässlich. (Warum sollte etwas völlig zwangloses nicht am Ende aussehen, als hätte mensch Geld dafür bezahlt? #partofthesystem)

Folgendes entspannt mich: FREIzeit. Und dabei dem vorletzten heißen Trend folgen: Mandalas selber malen und ausmalen – queer über meine Hausarbeit.

 

21. März: Tag der Poesie vs. gegen Rassismus vs. Wald

Laut Wiki ist der 21. März international (das heißt es kommen noch weitere dazu) mehrfach als Gedenktag belegt:

  • Internationaler Tag des Puppenspiels
  • Welttag gegen Rassismus
  • Internationaler Tag des Waldes
  • Welttag der Hauswirtschaft
  • Welttag der Poesie
  • Welt-Down-Syndrom-Tag

Ich habe nichts gegen Aktionstage, wirklich nicht. Im Gegenteil, ich finde es erstklassig unterbeleuchteten Themen eine Öffentlichkeit zu bieten.

Dennoch frage ich mich, ohne jetzt hier explizit eine Wichtigkeits-Hirarchie aufstellen zu wollen, ob ein Tag der Poesie, für den sicherlich viele Menschen zu begeistern sind, unbedingt am gleichen Tag stattfinden muss, wie ein Tag gegen Rassismus. Ganz einfach vom Zeichen her, dass da gesetzt wird: „Hmm, nee, ich geh lieber zum Tag des Puppentheaters.“ Irgendwie komisch. Oder: „Oh, eben auf der Demo gegen Klimawandel, das waren echt ein paar schlimme Informationen- zum Glück ist heute abend noch eine Poetry-Slam-Veranstaltung mit der ich mich ablenken kann.“

Es geht bestimmt, die Themen zu verbinden. Und alles hängt ja auch irgendwie mit allem zusammen. Trotzdem: Beim Gedenken, Erinnern und  Öffentlichmachen spielt Massenaufmerksamkeit keine kleine Rolle, denn erst wenn mehr als die üblichen zehn Aktivist_innen zusammen kommen kann von einem echten Zeichen die Rede sein.

Also, die nächsten Aktionstage bitte auf den 4., 9., 13. oder 16. März legen – die sind nämlich laut Wiki noch frei; Und dann haben auch viel mehr Menschen Zeit zu kommen!

Müsli-Menschen sind keine Mars-Menschen

Ich möchte mich dem Karussell „Stereotyp der_des Veganer_in“ widmen. Wenn ich dieses Stereotyp kurz umkreisend reproduzieren darf: Müsli-Mensch mit Hang zu moralischen Feel-Bad-Argumenten.

„Krass, und wieso bist du jetzt Veganerin?“ Na, wieso wohl? Aus all den Gründen, oder vielleicht nur aus einigen von vielen guten Gründen, die immerimmer auf diese Frage zur Antwort gegeben werden. Dankenswerter Weise (!!) gibt es genug Blogs, die sich dennoch die Mühe machen, die Gründe wieder und wieder aufzulisten und zu erklären.

Irgendwie ist es lustig, weil es immer das selbe ist und sich, auch wenn ich mir zwischendurch einen ganzen Mettigel reinziehen würde, der Verlauf dieses Gesprächs nicht ändern würde.

Aber mal ehrlich: Warum tun sich Nicht-Veganer_innen das an? In der Regel hat mein nichtveganes Gegenüber entweder Verständnis und kennt die Antwort eh schon oder ein Argument ist bereits präpariert, das mir zeigen soll, wie schelcht mein Argument doch ist. In beiden Fällen war die Frage jedoch völlig umsonst und hat nur dazu geführt, dass aus einer Kleinigkeit eine Identitätszuweisung wurde.

Wie im Fall aller Stereotype handelt es sich um ein Zuschreibungskonklumerat, das niemals in Gänze real wird. Sie dienen der Einordnung und Vereinfachung des Umgangs mit dem Gegenüber: mir. Wer jedoch mit mir isst – zuhause oder auswärts – wird in der Regel nicht mal merken, dass ich Veganerin bin.

Wird die Außergewöhnlichkeit dann noch erahnt/erfahren/mitgeteilt, so dauert es höchstens einen Happen bis zur Frage „Wieso…?“. Um bloß nicht überheblich zu wirken (noch so ein Vorurteil) gebe ich irgendeine Begründung an, von der ich glaube, dass mein Gegenüber sich damit zufrieden geben wird, z.B. Es schmeckt mir besser.

Doch von wegen. Diese absolut astreine Begründung, die sich allein aus meinen Vorlieben ergibt, und über die sich absolut niemenschd ein Urteil erlauben kann und Ausdruck meiner individuellen Freiheit sind – kannste knicken. Ich habe es wirklich noch nie erlebt, dass nicht solange nachgehakt wurde („Also die Tiere sind dir wurscht?“ oder „Das hat also nix mit diesem Gesundheitswahn zutun?“ oder…) bis ich, weil ich natürlich nicht lüge und durchaus zugebe, dass dies einige der guten Gründe sind, am Ende doch die Moralapostelin bin, die indirekt Vorwürfe macht und sich für was Besseres hält.

Also sagt mal: Wieso diese Fragen? Und wie aussteigen aus diesem Karussell?